"Hören Sie dieser Frau zu!"

Von Dystopien, die die Zukunft als Tech-Albtraum zeichnen, hält Ayesha Khanna nichts. Die Chefin einer der weltweit bedeutendsten Firmen für künstliche Intelligenz will, dass wir unsere Zukunft selbst gestalten.

INTERVIEW VON CORINNA BAIER | JAN 19 2019 | Focus Magazin

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Weder Drohnen noch Roboter noch zentral gesteuerte, kluge Städte machen Ayesha Khanna Angst. Die Gründerin und Geschäftsführerin von Addo AI, einer Beraterfirma für künstliche Intelligenz, ist Tech-Optimistin und arbeitet sogar mit Regierungen an Smart- City-Konzepten. Die in Singapur lebende Pakistanerin gehört zu den führenden Expertinnen und findet, dass wir die Kontrolle über unsere Daten und unser Wissen nicht anderen überlassen sollten. Denn KI ist nur gefährlich, wenn man sie gefährlich werden lässt. Auch bei der Zukunftsmesse DLD – Digital Life Design – an diesem Wochenende in München wird sie mit anderen Visionären über Grenzen und Chancen unserer Tech-Gesellschaft diskutieren.

Frau Khanna, gemeinsam mit Ihrem Mann haben Sie den Begriff „Hybrid Age“ geprägt. Was bedeutet das genau?

Er bezeichnet die Art, wie Technologie unser Leben verändert. Sie ist allgegenwärtig und wird immer intelligenter, sozialer und billiger. Ähnlich wie bei der letzten industriellen Revolution. Allerdings geht es tiefer, weil es das Gewebe unseres Lebens betrifft. Wir benutzen die Werkzeuge nicht. Wir leben mit ihnen.

In welcher Art Beziehung?

Die Beziehung sollte vor allem proaktiv sein. Wenn wir künstliche Intelligenz weiterhin als etwas behandeln, das uns passiert wie in einem Sciene-Fiction- Film, werden wir zu passiv, und einige wenige werden alles kontrollieren. Je stärker und schlauer wir werden, desto weniger angreifbar sind wir, desto öfter erheben wir Einspruch gegen Manipulationen. Außerdem werden wir soziale Beziehungen mit Maschinen haben.

Wie soll das funktionieren?

Das müssen wir selbst entscheiden. Es bringt nichts, sich zu fragen, wie die Zukunft aussehen wird. Wir sollten uns fragen, wie wir sie gestalten wollen. Wir haben die Macht dazu.

Und wie wird sich dann das Verständnis von Menschlichkeit ändern?

Gar nicht in der nahen Zukunft.

Irgendwann?

Ja. Ich denke, dass die Frage interessant wird, sobald wir unsere menschliche Intelligenz durch künstliche erweitern.

Wie eine Superkraft?

So würde ich es nicht nennen. Eher eine Art Erweiterung. Menschliche plus künstliche Intelligenz.

Würden Sie Ihr Kind von einer Maschine operieren lassen?

Das kommt auf den Roboter an. Manche KIs können Hautkrebs besser analysieren als Ärzte, Flugzeuge können automatisch gesteuert werden. Also, wenn das alles noch besser wird, kann es sein, dass ein Roboter der bessere Chirurg sein wird. Ich bin absolut offen dafür.

Auch Städte werden immer digitaler. Es gibt einige Experimente mit neuen Konzepten, etwa in Toronto. Bill Gates will eine ganze Stadt in Arizona bauen. Wie wird ein Tag in einer solchen Stadt aussehen?

Das sind mehr oder weniger Laborexperimente. Die Mehrheit der Menschen wird in Großstädten wie Karatschi, New York oder London leben. Ein Tag in so einer Stadt wird uns hoffentlich mehr Zeit schenken. Wir werden nicht selbst fahren müssen, keine Formulare ausfüllen, unseren Geist von automatisierten Handlungen befreien, um kreativ sein zu können. Gut funktioniert das in Singapur. Das ist nicht nur eine smarte Stadt, sondern eine smarte Nation.

Das heißt?

Eine Kombination aus urbanem Design, Lebensqualität, Ethik, Werten. Die Konzepte haben einen anderen Ansatz. Die älteren Menschen werden nicht isoliert in Hightech-Heimen wohnen. Die Wohnungen werden zwar smart sein, aber wenn die Menschen rausgehen, werden sie Leben um sich herum haben, Kindergärten. Es geht um eine menschliche Herangehensweise an smarte Städte. sondern eine smarte Nation.

Sie beraten auch Regierungen zu dem Thema. Was sind die zentralen Punkte, auf die Politiker eingehen müssen?

Dass es nicht um Technologie um der Technologie willen geht, sondern der Mensch im Vordergrund steht. Dass man verschiedene Bereiche nicht wahllos digitalisiert und dann datenbasiert weiterbaut, sondern gleich datenbasiert denkt. Außerdem natürlich Datenschutz. Wie man die Algorithmen richtig unter Kontrolle bringt. Die Regierung kann den großen Konzernen ein Beispiel sein.

Es ist für die meisten Leute eine Horrorvorstellung, dass Regierungen und Firmen so viel über sie wissen.

Die beste Art, damit umzugehen, ist, Technologie nicht als Black Box zu behandeln. Wir müssen sie verstehen, unserem Instinkt vertrauen und offen über diese Themen sprechen.

Wir hatten gerade einen großen Datenskandal in Deutschland, verursacht durch einen 20­jährigen Mann im Keller seiner Eltern. Was, wenn Smart Cities ernsthaft angegriffen werden? Werden Terroristen künftig autonome Autos hacken und unsere Elektrizitätswerke?

Das kann sehr gut sein. Cyber-Sicherheit ist einer der größten Tech-Bereiche und der wichtigste. Auch für die großen Konzerne. Für jede Regierung muss Sicherheit die Top-Priorität sein. Dabei sollte auch künstliche Intelligenz eingesetzt werden.

Wer wird den Kampf um die Vorherrschaft bei der künstlichen Intelligenz gewinnen: China oder die USA?

Es gibt gerade viele Gewinner in der Welt. Offensichtlich ist China ganz vorn dabei. Aber Sie müssen zwei Bereiche unterscheiden. Erstens die Forschung. Da ist Großbritannien sehr stark, auch China und die USA. Und zweitens Apps und Produkte. Und da gilt: Je größer die Bevölkerung, desto schneller kommt ein Land voran, weil mehr Daten ge Ayeshas Ehemann, der Buchautor und Unternehmer neriert werden. Deshalb sind Asien, Indien und Indonesien nicht zu unterschätzen. Man kann also keinen klaren Gewinner benennen. Ich hoffe, dass es eine Kollaboration geben wird.

In den USA werden die Daten im Grunde es eine Kollaboration geben wird. In den USA werden die Daten im Grunde von nur drei oder vier Firmen beherrscht. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

Es bewegt sich alles so schnell, dass die Gesetzgebung Schwierigkeiten hat mitzuhalten. Wir müssen die Leute darauf aufmerksam machen und ihnen helfen, Zugang zu den eigenen Daten zu erhalten. Konzerne dürfen hier kein Herrschaftswissen haben.

Sie helfen jungen Mädchen dabei, programmieren zu lernen. Warum ist das für die Gesellschaft wichtig?

Wenn Firmen nur Männer einstellen, ist das Produkt, das sie entwickeln, unvermeidlich voreingenommen, was das Geschlecht betrifft. Aber diese Probleme gibt es auch bei Alter und Herkunft. Das ist nicht deren Schuld. So ist das System. Deshalb muss der Beruf vielfältig sein. In Asien werden Frauen nicht genug da rin bestärkt, in die Software-Branche zu wechseln. Selbst wenn sie es würden, wäre ihr Selbstvertrauen gering. Sie sind eben so erzogen worden. Ich will Mädchen dieses Selbstvertrauen vermitteln, damit sie technische Berufe ergreifen. Aber nicht nur sie. Alle sollten sich selbst stark machen. Nur dann kann man das Potenzial von KI nutzen, um der Menschheit zu helfen.

Wann haben Sie angefangen zu programmieren?

Mit 24 Jahren. Aber es ist nie zu spät.

Sie haben selbst eine Eliteausbildung in Harvard genossen. Ist das noch etwas wert?

Es ist nicht mehr so wichtig wie früher. Harvard-Kurse sind auch online verfügbar. Was ich aber auch dort gelernt habe, ist kreatives Selbstbewusstsein – von meinen Kommilitonen und Lehrern – und dass es in Ordnung ist zu scheitern. Diese Einstellung allein ist schon eine Ausbildung. Von daher werden Universitäten weiter eine Rolle spielen. Aber werden wir vier Jahre als Student im Wohnheim verbringen? Ich bin mir nicht sicher.

Wie müssen wir unsere Kinder auf die moderne Arbeitswelt vorbereiten?

Sie sollten ein Basiswissen in Informatik haben. Das heißt nicht, dass sie Programmierer werden sollen. Aber sie müssen verstehen, wie es funktioniert. Jedes zukünftige Produkt und jede Dienstleistung wird damit etwas zu tun haben. Außerdem kann man sich nicht mehr nur für ein einziges Gebiet entscheiden. Man muss sich breit bilden und sich als Mensch weiterentwickeln. Die Kinder sollten Technologie als eine andere Sprache ihrer Kreativität begreifen.

Wie digital, smart und vernetzt ist Ihr Zuhause? Ihr Alltag?

Nicht futuristisch. Wir nutzen unsere Laptops, aber ich spreche zum Beispiel nicht mit Spiegeln oder so. Wir hatten einige soziale Roboter zu Hause, aber nach einer Weile waren sie nicht mehr so fesselnd. Wird sind offen und probieren vieles aus, aber das Smartphone ist noch immer das Zentrum.

Haben Ihre Kinder Handys?

Ja. Mit all diesen elterlichen Kontrollmechanismen. Wenn wir reisen und sie gehen verloren, können wir sie über das iphone finden. Ich finde das nicht besonders beängstigend. Wir wollen einfach, dass sie Technologie anschauen und sagen: „Ich weiß, was ich tun muss. Ich kann damit etwas anfangen.“

Sie haben Ihre Karriere an der Wall Street begonnen. Was haben Sie dort gelernt?

Disziplin und Geschwindigkeit. Ich konnte die Auswirkungen von Technologie sehen. Zu dieser Zeit war sie in anderen Branchen noch nicht so verbreitet.

Hatten Sie jemals das Gefühl, für die dunkle Seite gearbeitet zu haben?

Nein, aber die Wirtschaft hätte mehr Verantwortung übernehmen können. Ich habe realisiert, dass es bei Unternehmen zuerst immer um Menschen geht.

Was lesen Sie gerade?

„Measure What Matters“ von John Doerr. Es hilft Leuten in der Tech-Bran-che, die richtigen Prioritäten zu setzen.

Haben Sie eine Lieblings-Zukunfts-vision aus der Popkultur?

Hm. . . jedenfalls keine Dystopie. Ich mochte den Film „Black Panther“. Ich mochte die Art, wie sie mir die Vorteile der Technologie gezeigt haben.

Haben Sie einen Lieblingsroboter?

Ich habe noch nicht viele getroffen. Wir haben welche ausprobiert. Aber nicht lange genug, um mir ein Urteil über sie zu erlauben.

Würden Sie Ihr Gehirn in die Cloud laden, wenn es möglich wäre?

Grundsätzlich bin ich nicht dagegen. Es kommt auf den Grund an. Ich bräuchte ein gutes Argument dafür. Ich glaube aber, dass die Diskussion über diese Themen wichtig ist. Wir brauchen Philosophen dringender denn je. Das sind alles keine Tech-Fragen.

Was war das erste Programm, das Sie geschrieben haben?

Ein ganz simples Hello-World-Pro-gramm, glaube ich.

Jemals ein Programm geschrieben, um jemandem einen Streich zu spielen?

Ich war schon zu alt für so etwas. Aber meine Kinder werden bestimmt noch eine Menge Spaß damit haben.

Sie reisen viel als Familie. Wie viele Stempel haben Ihre Kinder eigentlich im Pass?

Viele. Wir müssen dauernd Seiten hinzufügen. Reisen ist wichtig für sie. Sie haben auch eine Weile in Berlin gelebt und sind dort zur Schule gegangen. Sie sind echte Weltbürger und haben einen weiten Horizont.